Mistress America oder Der Weg danach oder Wir sind alle große Poet_innen

Text und Illustration von Lena


Ich gehe aus dem Kinosaal und es fühlt sich als wäre ich neu, unbeschrieben und von diesem alten Irgendwas irgendwie weg. Ich gehe durch die Straßen und die Absurdität der Stadt macht mir weniger aus, umso mehr grelle und leuchtende Reklametafeln ich sehe. So viel Licht und Menschen und Weihnachtsmarktpunschstandabendsgedränge, und es nervt nicht, es gibt Wichtigeres, Kunst zum Beispiel, Literatur zum Beispiel, Bücher und Worte und Zukunft und Mich zum Beispiel. Und ich denke auf Englisch und ich spreche mit mir selbst und es fühlt sich ausgesprochen gut an. Ich fühle mich gut an. Und irgendwie hab ich das Gefühl, als wäre ich Tracey, gleichzeitig weiß ich, so sehr ich sie über alles und alles und alles lieben gelernt habe in diesen eineinhalb Stunden, würde ich diesen nur auf Leinwand existenten Charakter treffen, würde ich mich nicht anfreunden mit ihr. Vielleicht steh ich auch einfach nur gerade auf die du-hasst-Oliven-und-ich-liebe-sie Theorie und in ein paar Momenten fällt mir ein, wie sehr ich Tracey lieben würde, würde ich sie Treffen, in Echt. Sinnlose Gedanken. Sas schöne an Filmcharaktern ist ja wohl, dass man sie niemals niemals treffen wird, die sind auf einer anderen Ebene, wie Goldfische oder so, man wird nie seines Goldfischs beste Freundin sein, Goldfische schwimmen unberührbar hinterm Glas herum und haben ihre eigenen Probleme. Wir können an ihren Problemen teilhaben, sie niemals an unseren. Schön.
Es ist, als wäre ich in einem Rausch, in den mich nur Noah Baumbach bringen kann, berauscht, von seinen wunderbaren Bildern Melodien Gefühlen Farben. Ich steige in den Bus und es ist mir egal, was die Andern über mich denken, weil, ich denk mir ja auch nichts über sie. Und auch wenn sie über mich denken wollen würden, wäre es mir egal. Weil, ich bin ich und ich bin unbeschrieben und voller neuer Eindrücke und die Stadt sieht so anders aus nach diesem Film, so sehr wie im Film, wir könnten doch eigentlch alle einen Film drehen über uns, und er wäre wahrscheinlich das Interessanteste überhaupt. Neben all den Anderen - von den Anderen - von sich gedrehten Filmen natürlich. Das ist wahrscheinlich das schöne an Mistress America. Wir sind doch alle irgendwie wir selbst und interessant und lustig seltsam komisch unbegreiflich. Wir alle haben unser Leben, was auch immer das ist, und Tracey hat eben das ihre und so Brooke. Und sie wirken so schön und echt dass ich manchmal das Meine gerne gegen ihres getauscht hätte, aber jetzt gerade merke ich wieder, wie blöd das wäre. Meins ist ja auch ganz leiwand. Ich kann zum Beispiel Filme sehen in denen Greta Gerwig spielt. Und dann mit diesem atemberaubenden Gefühl nach Hause gehen fahren laufen, und ich bin wohl einfach ich. Und es fühlt sich schön an, vollkommen irgendwie.
Eigentlich sollte jeder Mistress America sehen, vielleicht gäbe es dann endlich Weltfrieden.
Das war natürlich ein Scherz. Wir wollen ja von Noah's Filmen genau so wenig wie Brooke von ihrem zukünftigen Restaurant, dass es zu Mainstream wird.
Vielleicht ist es das. Ich fühle mich wie in Brookes Mom's, wusste es bisher nicht, aber jetzt, nachdem ich es mir bewusst gemacht habe, weiß ich es urplötzlich und dieses Wissen wird wohl bewusst bewusster. Und ja, diese Wortwiederholungen sind alle extra und auch falls ich nur Fünfen in Deutsch gehabt hätte, wäre das okay so. Ich sitze also wohl eigentlich in Mom's und das ist schön und es ist so okay wie ich bin, wahrscheinlich bin ich nach diesem grandiosen Film auch nicht mehr ganz genau das, was ich vor diesem grandiosen Film war. Eine große Poetin hat einmal gesagt, eigentlich seien wir eh alle nur eine Imitation davon, was wir vorher eben waren. Und das ist ja vielleicht auch richtig. Okay, noch ein Scherz, es war keine große Poetin, ich war es, die diesen Satz erdacht hat, aber, wahrscheinlich sind wir alle in gewisser Weise große Poet_innen, wir wissen es nur noch nicht, bis es uns eineinhalb Stunden im fast leeren Kinosaal ein bisschen näher bringen.


Mistress America, Noah Baumbachs neuen Film läuft laut www seit 10. Dezember in jedem anständigen Kino und um diesen Artikel wirklich zu verstehen, ist es wohl oder übel eine unbedingte Notwendigkeit, ihn selbst zu sichten. Vielleicht wird dann dieser Artikel auch gar nicht mehr benötigt.


Ein paar Erklärungen zum Schluss 
Brooke und Tracey = Die beiden Hauptakteurinnen in Mistress America
Moms = Restaurant, das Brooke in Mistress America eröffnen möchte.  Von Lena. ♦


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